Rede auf der Trauerfeier

Liebe Genossen und Genossinnen, liebe Freunde und Freundinnen,

kommenden Freitag wird es genau vier Wochen her sein, dass Ursula nach einer Untersuchung im Krankenhaus erfahren hatte, dass sie nur noch ganz kurze Zeit leben wird. Für mich war das wie ein Schock. Ich wollte das zuerst gar nicht wahr haben. Denn trotz ihrer Krebserkrankung glaubte ich sie auf dem Weg einer allmählichen gesundheitlichen Besserung. Noch 1 1/2 Wochen vorher hatte sie eine Kundgebung in Solidarität mit den Genossen und Genossinnen der MRTA vor der peruanischen Botschaft in Bonn mitorganisiert. Und zwei Tage danach hatten wir auf einem gemeinsamen Spaziergang noch Pläne geschmiedet: Wir hatten über den Aktionstag von Libertad! am 18. März diskutiert, über das, was wir dann machen wollen. Wir hatten auch darüber gesprochen, wie wir für die nächste Zeit unseren politischen Prozeß als Gruppe entwickeln, wie und ob es mit basis weitergehen wird, mit wem wir uns gemeinsame politische Diskussionen wünschen und vorstellen können. Und wir machten uns schon Gedanken für die Zeit, wenn unsere Genossin Ursel Q. Ende April ihre Beugehaft hinter sich haben wird.

Trotz beschissener Zeiten - und uns war klar, dass sich das nicht so schnell verändern läßt - waren wir "guter Dinge". Das hat was mit Perspektive zu tun, mit Zielen vor Augen, mit Veränderung.

Mit einem Mal sollte es das für sie nicht mehr geben. Als revolutionärer Mensch, der sich in vielen Kämpfen angeeignet hatte, subjetiv und gesellschaftlich in Perspektiven zu denken und zu handeln, gemeinsam Antworten zu suchen und Probleme lösen, fand Ursula sich in der absurden Situation wieder, dass ihre Lebenszeit unwiderruflich auf wenige Tage zusammen geschrumpft war.

Sie entschied sich bewußt gegen eine ungewisse, wie auch immer - und wenn nur kurz - lebensverlängernde, intensivmedizinische Behandlung, die sie dann bis zu ihrem Tod an Apparate und ins Krankenhaus gefesselt hätte. Sie wollte die Tage, die ihr verbleiben würden, mit denen zusammen sein, die ihr nahe stehen.

Ich will zu dieser Zeit des wechselseitigen Abschiednehmens nur soviel sagen, dass Ursula so gestorben ist, wie sie gelebt hatte: bewußt und mutig.

Und noch etwas: In diesen langen und oft intensiven 2 1/2 Wochen konnten wir und sie nur in Gedanken und per Post mit unserer Genossin Ursel Q. zusammen sein. Der kurze Besuch bei ihr, der Ursula unter großer Kraftanstrengung noch möglich war und die 24-stündige Haftunterbrechung, in der sich die beiden sehen konnten, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, wie zerstückelt und getrennt das für beide war.

Ich weiß, dass Ursula all denen, mit denen sie zusammen organisiert war, aber auch ihrer Wohngemeinschaft, ihren Freunden und Freundinnen noch für sehr lange Zeit spürbar fehlen wird.

Vor ungefähr vier Jahren begann ein regionaler Diskussions- und Klärungsprozeß über die Neubestimmung revolutionärer Politik, aus dem wir dann später mit Ursula zusammen unser Projekt basis gründeten. Unsere Formierung als Gruppe stand scharf unter dem Druck der "Ereignisse" - und angesichts der zunehmend reaktionären gesellschaftlichen Entwicklung standen wir oft genug mit dem Rücken zur Wand. Es war für jeden und jede in basis eine Zeit, in der wir um den Begriff der Niederlage der revolutionären Linken kämpfen mußten und uns ständig versuchten, politische Handlungsfähigkeit neu anzueignen. Sehr weit sind wir damit nicht gekommen. Obwohl wir nach außen hin sehr viel gemacht haben, insbesondere im lokalen Rahmen, fällt das politische Ergebnis eher bescheiden aus. Wir wurden immer wieder von der gesellschaftlichen Situation und dem Zerfallsprozeß der Linken eingeholt.

Ursula war ein sehr kämpferischer Mensch. In unserer Gruppe war sie eine treibende Kraft, oft auch die treibende Kraft. Es ist uns schmerzlich bewußt, dass wir - und damit meine ich nicht nur basis - eine militante Kampfgefährtin verloren haben.

Nein, dieses Leben war nicht zu Ende gelebt. Da gab es noch so viele Ideen und Vorstellungen, die Ursula mit ihren Genossen und Genossinnen verwirklichen wollte. Bis zuletzt hat sie sich damit beschäftigt, wie eine internationalistische Politik der gesellschaftlichen Umwälzung, in der die soziale Emanzipation des Menschen im Mittelpunkt steht, entwickelt und durchgesetzt werden kann. Sie wollte über ihren Tod hinaus, dass wir alle, denen es damit Ernst ist, uns unbedingt dafür eine Chance geben.

A., 19. Februar 1997

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