Prozeßerklärung, 13.6.1996, OLG Koblenz


Bevor ich mich zur Sache äußere, möchte ich nochmal betonen, daß der Prozeß gegen mich keine Ausnahme ist. Heute vor einem Jahr fanden auf Anordnung der BAW mehr als 50 Hausdurchsuchungen in acht Bundesländern statt.
Anlaß waren 25 Ermittlungsverfahren gegen konkrete Personen und weitere gegen unbekannte im Zusammenhang der Zeitschrift radikal, der Antiimperialistischen Zelle AIZ, des K.O.M.I.T.E.E. und der RAF.
Ermittelt wurde und wird - wie meistens, wenn es um politische GegnerInnen des kapitalistischen Staates geht - nach 129 und 129a. Ein Schwerpunkt der Ermittlungen liegt auf der Kriminalisierung der Zeitschrift radikal.
In diesem Zusammenhang wurden zeitweise vier angebliche Redaktionsmitglieder in Haft genommen.
Ende Februar 96 präsentierten die deutschen Verfolgungsbehörden Michael Steinau und Bernhard Falk als angebliche Mitglieder der AIZ, die sie in einer propagandistisch aufbereiteten Aktion verhaften ließen. Die beiden sitzen seither in Untersuchungshaft.
Als Reaktion auf den repressiven Schlag vor einem Jahr entstanden in einigen Städten Solidaritätskomitees, die sich insbesondere mit den im radikal-Verfahren Verfolgten solidarisieren. Dieser Antirepressionszusammenhang schaffte einen bundesweiten Rahmen zur Entwicklung und Koordinierung solidarischen Verhaltens gegen die konkrete Repression. Mit der Demo am 16.12.95 in Hamburg bot er allen von Kriminalisierung Betroffenen den Raum, sich zueinander ins Verhältnis zu setzen, und gemeinsam einen praktischen Schritt gegen die mit Kriminalisierung beabsichtigte Spaltung, Abschreckung und Resignation zu setzen.
Die Staatsschutzaktion vom 13.6.95 hat das Ziel, das Projekt radikal zu zerschlagen, nicht erreicht.
Die Zeitung erscheint weiterhin. Immerhin besteht sie mit kurzen Unterbrechungen seit 20 Jahren, und hat sich bereits gegen zahlreiche staatliche Angriffe durchgesetzt.
Auch in diesem Zusammenhang gilt, daß die Linke konkrete Solidarität gegen staatliche Repression entwickeln muß, weil sich kein einzelner Zusammenhang, keine Gruppe allein dagegen behaupten kann.

Ich komme jetzt zur Sache:

Die Bundesanwaltschaft hat eine Anklage gegen mich aufgebaut, in der ihr gelungen ist, was kein Zusammenhang der radikalen und revolutionären Linken geschafft hat: Die Transformation der politischen Bestimmungen der antiimperialistischen Front in eine neue strategische Vorstellung. Hier konkret die angebliche Strategie "Gegenmacht von unten". Dazu ist zu sagen, daß sich alle Ansätze radikaler und revolutionärer Politik in der Zeit Ende der 80er - Anfang der 90er Jahre zersetzten, und daß die Versuche einer politischen Neubestimmung in diesen Jahren gescheitert sind.
Meine Entscheidungen und Schritte in dieser Zeit bewegten sich im Zerfall politischer Ziele und Kriterien, und erfolgten zum Teil in vermeintlicher Übereinstimmung mit dem VS-Agenten Steinmetz. Trotzdem werde ich die Bewertung meiner subjektiven Haltung nicht der Staatsschutzjustiz überlassen. Es geht hier auch um die Legitimität von Widerstand. Das Festhalten an der Suche nach Wegen, wie eine Perspektive auf grundlegende Veränderung der herrschenden Verhältnisse entstehen kann, steht zur Anklage.
Auf Beginn und Ursachen der Zersetzung von Strukturen, Kriterien und Zielsetzungen der antiimperialistischen Front werde ich hier nicht eingehen. Ihre Folgen gehören hierher, da ich mich in den 80er Jahren an ihren politischen Bestimmungen orientierte, und meine Praxis in diesen Zusammenhang stellte.
Die innere Zerfall der antiimperialistischen Front fand in einer Zeit statt, in der sich die internationale Situation in einer Umbruchphase befand. Die imperialistische Strategie - den Gegner militärisch anzugreifen und zu zermürben, ihn ökonomisch zu erpressen und politisch zu denunzieren und zu isolieren - hatte zu Einbrüchen im weltweiten Kräfteverhältnis zugunsten der Bourgeoisie geführt. Befreiungsbewegungen konnten sogenannte Friedensverhandlungen aufgezwungen werden, die in der Regel zur Entwaffnung und letztlich zur Zersetzung ihrer Politik führten, junge Nationalstaaten hingen am Tropf des Internationalen Währungsfonds, der innere Zerfall der sozialistischen Staaten wurde beschleunigt. Hier existierte kein organisierter Rahmen, in dem diese Veränderungen diskutiert, begriffen und antizipiert werden konnten. Gleichzeitig hatten die Rückwirkungen dieser weltweiten Umbrüche ihre Verlierer und Gewinner auch vor Ort: Deutscher Siegestaumel angesichts der Annexion der DDR, ein Schub reaktionärer Mobilisierungen, in denen die sogenannte "Asyldebatte" in rassistischen und antisemitischen Pogromen, Brandanschlägen und Morden an Flüchtlingen Blüten trieb; in denen der "nationale Konsens" den Erhalt westlichen Wohlstands und weißer Privilegien prophezeite und Arbeitslose, Obdachlose, Behinderte, Drogenabhängige als quasi "Volksschädlinge" und "Schmarotzer" stigmatisierte.
Spontane Betroffenheit gegen diese Entwicklungen mündete in punktuellen antirassistischen und antifaschistischen Initiativen; über Abwehrkämpfe hinaus existierte keine linke Kraft, die organisierend und mit eigenen Orientierungen hätte eingreifen können. Die Kämpfenden waren mittendrin in der Zersetzung der radikalen und revolutionären Linken, unfähig, sich die veränderten Ausgangsbedingungen auch vor Ort anzueignen, und Konsequenzen daraus zu ziehen.
So standen die Reste einer antiimperialistischen Bewegung mehr oder weniger begriffslos und handlungsunfähig vor einer Situation, deren Eintreten sie in den 80ern verhindern wollte: Dem imperialistischen Truppenaufmarsch am Golf ab August 1990. Vereinzelt beteiligten sich Genossen und Genossinnen an unterschiedlichen Orten an den spontanen Mobilisierungen. Es gab vielfältig unmittelbares Verhalten gegen den Krieg, und unter der Einheit "Stoppt den Krieg am Golf" fanden sich Reste der Friedensbewegung, Schüler und Schülerinnen, Leute aus kirchlichen Organisationen, aus der Dritte-Welt-Solidaritätsbewegung und andere zusammen. Es gelang damals noch, im Antikriegsbündnis in Saarbrücken zu verhindern, daß rechte und sozialdemokratische Positionen wie "Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts Kuweits" oder "für den Warenboykott gegen den Irak" in der Mobilisierung zum Tragen kamen, und sozialdemokratische und grüne Vereinnahmungen zeitweise zurückzudrängen. Diese Unabhängigkeit von staatlich institutionalisierter Politik mußte allerdings in jedem Schritt neu behauptet und durchgesetzt werden.
Man muß sich einfach nochmal an ein paar Punkten vergegenwärtigen, in welchen schnell aufeinanderfolgenden Schritten die Bourgeoisie ihre Offensive gegen die Unterdrückten und Ausgebeuteten seither materiell und propagandistisch voranbringen konnte:

- Im November 1989 begann die offene Annexion der DDR durch den westdeutschen Kapitalismus. In ihr drückte sich der Zusammenbruch des gesamten sozialistischen Staatenblocks in Osteuropa aus, der Auswirkungen auf die internationale Situation nach sich zog.
- Das Schengener Abkommen 1990, das sogenannte Ausländergesetz von Anfang 1991, die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl im Mai 1993 und weitere staatliche rassistische Maßnahmen sorgen unter anderem dafür, daß sich das europäische Kapital den Flüchtlingsströmen als einem Reservoir billigster Arbeitskräfte bedienen kann.
- Rostock, Mölln, Solingen werden zum Synonym für die Dimension faschistischer Übergriffe unter dem Beifall der Bevölkerung und der Verflechtung faschistischer Organisierungen mit staatlichen Repressionsorganen. Allein im Jahr 1992 wurden nach Angaben von Human Rights Watch 17 Flüchtlinge durch Faschisten ermordet. Von Januar 1993 bis Februar 1995 wurden 17 Flüchtlinge durch drohende Abschiebung in den Selbstmord getrieben. Von März bis September 1994 wurde von 16 Flüchtlingen bekannt, daß sie in der Neiße ertrunken sind beim Versuch, nach Deutschland zu gelangen. Inzwischen sind offizielle Stellen und Medien dazu übergegangen, den ohnehin verfälschenden politischen Begriff "Fremdenfeindlichkeit" im Zusammenhang mit Übergriffen und Mordanschlägen auf Flüchtlinge zu leugnen, und wie in Lübeck die Opfer zu Tätern zu machen.
- Am 15. Januar 1991 begannen die Bombardements der imperialistischen Truppen auf den Irak. Unter der Paro- le "Gegen den Hitler von Bagdad" sollte der imperialistische Krieg unter dem Vorwand der Durchsetzung von Menschenrechten akzeptabel gemacht werden. Deutschland war finanziell und logistisch in diesen Krieg eingebunden, und direkt mit Bundeswehreinsätzen unter anderem in der Türkei am militärischen Aufmarsch beteiligt.
- Die von Deutschland mitgeschürte Eskalation des Krieges im ehemaligen Jugoslawien diente - nach Bundes- wehreinsätzen in Somalia und im Golfkrieg - als weiteres Trittbrett, um weltweite Bundeswehreinsätze faktisch und propagandistisch durchzusetzen.
- Am 26.11.1993 wurde das sogenannte PKK-Verbot durch das Bundesinnenministerium verfügt. Kurdische Or- ganisationen und Vereine, die sich im Zusammenhang mit dem kurdischen Befreiungskampf betätigten, wurden geschlossen. Stillschweigen bis Zustimmung in der staatlichen Bekämpfung politisch aktiver Kurden und Kurdinnen konnte und kann auch aus dem immer offener werdenden Rassismus in allen Teilen der Bevölkerung geschöpft werden.

Ich würde sagen, daß in diesen Jahren die gesellschaftspolitische Situation so gekippt ist, daß die Akzeptanz weißer imperialer Machtausübung in alle gesellschaftlichen Bereiche durchgedrungen ist, verknüpft mit der Bereitschaft, die repressive und militärische Absicherung von Metropolenprivilegien mitzutragen.
Das geht von stillschweigendem Zuschauen bis zur brandschatzenden Beihilfe. Davon muß linke Fundamentalopposition heute ausgehen, und davon, daß sie in den Metropolen noch länger eine Minderheit sein wird.

Neben der schwankenden antirassistischen, antifaschistischen und antimilitaristischen Mobilisierungsbereitschaft wurden Versuche unternommen, politisches Handeln in konkreten Initiativen direkt und längerfristig zu organisieren. Ich sage hier nur kurz was zu denen, die von der BAW - neben meiner Beteiligung am Antikriegsbündnis - in den Zusammenhang der angeblichen Strategie "Gegenmacht von unten" gestellt werden:

- Die "Gelbe-Punkt-Aktion", die Ende 1991 gegründet wurde, organisierte Fluchtmöglichkeiten für Menschen, die von rassistischen Übergriffen auf der Straße bedroht wurden. Es ging um direkten Schutz und darum, daß sich die Stimmung auf der Straße verändert hin zur Bereitschaft, bei rassistischen Übergriffen einzuschreiten.
- Die Stadtteilzeitung "Stoffwechsel", die im Dezember 1992 zum erstenmal erschien, war ein Angebot und ein Versuch, eine Stimme gegen die selbsternannten Vertreter aus Politik und Institutionen zu schaffen und Solidari- tät von unten zu entwickeln; ausgehend davon, daß die Unterdrückten die Verbesserung ihrer Situation selbst in die Hand nehmen müssen.
- Das "antifaschistische-antirassistische Notruftelefon" wurde im Sommer 1993 gegründet, um direkt gemeinsam mit Betroffenen gegen den staatlichen Rassismus und gegen Übergriffe von Straßenfaschisten intervenieren zu können. Darüberhinaus sollten Selbstorganisierungsprozesse in diesem Bereich unterstützt werden.
- In einem Regionaltreffen aus der Anti-WWG-Mobilisierung 1992 entstand der Vorschlag zu Diskussionen, die in der Anklage als "konspirativ durchgeführte Diskussionsrunde" auftauchen. Inhalt der Diskussionen zwischen linken Zusammenhängen und Personen war die Verständigung über Geschichte radikaler und revolutionärer Politik, und in diesem Zusammenhang die April-Erklärung der RAF. Die Diskussionen waren nicht mehr und nicht weniger.

Daß sich das Kräfteverhältnis für die Linke zusehends verschlechterte, war in vielem spürbar. Ich bewegte mich ständig in dem Widerspruch, an drängenden Konflikten handeln zu wollen, während gleichzeitig die Frage im Raum stand, ob die reaktionäre staatliche und gesellschaftliche Entwicklung eingegrenzten, in konkreten Bereichen angesiedelten Initiativen und Selbstorganisierungsprozessen nicht schneller das Wasser abgräbt, als daß Handlungsfähigkeit aufgebaut wird. Meine Suche zur Beantwortung dieser und auch anderer Fragen bezüglich des Kräfteverhältnisses verlief entsprechend der desolaten Situation widersprüchlich, mit Brüchen und Schwankungen, und unter insgesamt ungeklärten Voraussetzungen. Ich beteiligte mich 1990 und 91 an einigen Versuchen in unterschiedlichen Zusammensetzungen, Fragen nach der Situation der Linken - auch vor dem Hintergrund der international veränderten Bedingungen - und wie die Situation für die Linke verbessert werden kann, zu diskutieren und praktische Schritte darin zu entwickeln. Einig waren sich die Teilnehmenden darin, daß sich die Widerstandslinke in der Defensive befindet.
Sei das am Kampf um die Zusammenlegung der politischen Gefangenen aus RAF und Widerstand, wo sich nichts nach vorne bewegte;
sei es die Zerschlagung der Gefangenenkollektive in Spanien und die Verschleppung der Gefangenen aus GRAPO und PCE/r in weit auseinanderliegende Knäste, und die Ermordung von Jose Manuel Sevillano im Hungerstreik im Mai 1990;
oder die mangelnde Interventionsfähigkeit gegen den nationalistischen Taumel angesichts der sogenannten Wende,
und die eskalierende Auseinandersetzung im ehemaligen Jugoslawien...

Auch wenn in diesen Diskussionen die Notwendigkeit einer Neubestimmung revolutionärer Politik angesprochen wurde, scheiterten doch in dieser Zeit alle Versuche, sich in Diskussionen und Widerstandsprozessen gemeinsame Grundlagen anzueignen. Die Erwartungen waren zu verschieden, und es wurde von Niemand transparent und nachvollziehbar, von welchen Grundlagen jemand ausging, vor welchem realen politischen Hintergrund sich die Teilnehmenden jeweils bestimmten. Es existierten auch keine gemeinsamen Kriterien darüber, welche Diskussionsinhalte an welchen Ort gehören, oder für die Überprüfbarkeit der politischen und persönlichen Integrität der Kämpfenden. Heute würde ich das als Beliebigkeit bezeichnen, in der die Zersetzung weiter betrieben wurde. Daß die vermeintliche Stellung und Autorität von Steinmetz innerhalb einer orientierungslosen und zersplitterten Politscene zum Maßstab für "vertrauensvolle Zusammenarbeit" werden konnte, hat auch mit diesem Hintergrund zu tun.

Der VS-Agent Steinmetz hat mit seinem Vorschlag im Frühsommer 1991, mich an Diskussionen um Inhalt, Ziele und Perspektiven revolutionärer Politik in einer konkreten Struktur beteiligen zu können, offene Türen bei mir eingerannt. Niemand - einschließlich mir - hatte zu dieser Zeit ein Bewußtsein davon, welche politischen Grundlagen und organisatorischen Voraussetzungen es braucht, um zur Neubestimmung radikaler und revolutionärer Politik beizutragen. Das kann nur aus einem Kampfprozeß laufen, in dem es den Raum für Reflexionen und bewußte gemeinsame Aneignung politischer Kriterien gibt.

An diesem Punkt ist es mir wichtig, noch ein paar Sätze mehr zu Steinmetz zu sagen, weil dieser Staatsschutzprozeß auch in meinem vierjährigen Kontakt zu diesem VS-Agenten einen Ursprung hat.
Die Bundesanwaltschaft baut ihre Anklagekonstruktion zwar nicht auf seinen Aussagen auf, dennoch tauchen in meinen Akten die Verhöre von ihm durch Staatsanwalt Philipps und Oberstaatsanwalt Griesbaum von der BAW und durch das BKA seitenweise auf. Zuletzt Teile des mehrtägigen Verhörs Mitte März 1996 durch die BAW, das an einem geheimen Ort stattfand, und das Steinmetz durch die Zusage freien Geleits ermöglicht wurde.
In diesem Verhör gibt es auch längere Passagen, wo er konkret zu mir befragt wird.
Es ist klar - und das gilt für alle seine Verhöre - daß seine Antworten in ihren wesentlichen Aussagen mit dem Verfassungsschutz abgesprochen sind. Jedenfalls wäre es juristisch möglich gewesen, über diesen konkreten Anknüpfungspunkt zu versuchen, Steinmetz in diese Gerichtsverhandlung zu laden, mit dem Ziel ihn politisch anzugreifen, um seine nach wie vor brisante und fast reibungslose Funktion gegen Teile der radikalen Linken zu erschüttern. Doch so einfach ist das nicht. Wir hatten uns das während der Vorbereitung auf diesen Prozeß durch den Kopf gehen lassen, fanden es aber aus der realen Situation falsch.
Das ist nichts grundsätzliches. Aber bis heute hangeln sich die Auseinandersetzungen in der radikalen Linken entlang der jeweils neuesten "Entwicklungen" um Steinmetz. Für mich bleibt auch in diesem Zusammenhang die wesentliche Frage, wie ein Weg aus der politischen Defensive und dem damit einhergehenden Vorsichhindümpeln freigekämpft werden kann. Mit wenig "in der Hand" und bei der Zersplitterung unserer Kräfte ist ein Staatsschutzprozeß nun wirklich der dafür am wenigsten geeignete Ort.
Ein anderes Problem in diesem Kontext ist die Frage der Glaubwürdigkeit. Steinmetz Authentizität ist die des Geheimdienstes. Im Wesentlichen verfolgen seine Antworten einen politischen Zweck, den der Verfassungsschutz vorgibt, und die in ihrer Intention dem geheimdienstlichen Kalkül entsprechen: Verunsicherung und Abwarten kombiniert mit punktuellem Zuschlagen und der tendenziellen Ausbaufähigkeit seiner Aussagen gegen GenossInnen der radikalen Linken. Tatsächlich könnte ich an manchen Punkten sagen, wo Steinmetz lügt, und, was Fakten anbelangt, wie es wirklich war. Das Problem ist, daß das seine Funktion nicht aushebeln, ja noch nicht einmal ernsthaft die Figur selbst erschüttern würde. Den Repressionsorganen wird dadurch Steinmetz nicht aus der Hand geschlagen.
Eine weitere Konkretisierung meines Kontaktes zu dem VS-Agenten zum jetzigen Zeitpunkt würde sich in der Gefahr bewegen, zwischen taktischen Erwägungen und der Gier von Medien und Öffentlichkeit nach Sensationen zur Ware zu verkommen.

Nochmal zurück zur Anklage:

Die BAW sagt, sie haben einen Brief von mir an die Illegalen in Birgit Hogefelds Rucksack gefunden, und ich hätte über Jahre Kontakt mit den Illegalen gehabt. Und es ist klar, daß es aus ihrer Sicht nicht sein darf, mit der RAF solidarisch zu kommunizieren. Mein Verhältnis zur RAF, wie zu allen Gruppen und Zusammenhängen, die in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in Zukunft Teil einer politischen, auf Emanzipation zielenden Entwicklung waren oder sind, orientiert sich an meinen eigenen politischen Zielen und dem Kampf darum.
Hier ist nicht der Ort, ausführlicher darauf einzugehen.
Grundsätzlich will ich dazu nur noch sagen, daß sich fundamentale Opposition ihre politischen Verhältnisse zueinander grundsätzlich nicht vom Staat vorschreiben lassen darf. Mit wem, wie und wann Diskussionen laufen, welche solidarischen Bezüge hergestellt werden, muß selbstbestimmt werden. Im Vordergrund muß die Orientierung an den konkreten politischen Zielen stehen, daran, was wichtig und nötig ist, eine relevante Kraft zu werden, die eine Perspektive auf grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen erkämpft.

Daß politische Initiativen, in denen ich organisiert war, von der BAW als Umsetzung der angeblichen Strategie "Gegenmacht von unten" aufgebauscht werden, dient dazu, die Anklage gegen mich zu füttern. Für die Anwendung des § 129a brauchen sie etwas, woran sie die Unterstützung festmachen können. Der Brief reicht dazu nicht aus. Die Interpretation meiner politischen Aktivitäten durch die BAW dient einzig und allein dem Zweck, ihre Anklage nach "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" konstruiert zu kriegen.

Eine gesonderte Betrachtung verdient das Vorgehen der Bundesanwaltschaft, die Anklage mit Zitaten aus Briefen von mir an Gefangene aus der RAF über einen Zeitraum von mehr als 3 ½ Jahren zu spicken. Dienen die Zitate einerseits als Beiwerk, so stellt dieser Vorgang doch einen weiteren Angriff auf die ohnehin durch die Haft- und Zensurbedingungen erschwerte Korrespondenz mit politischen Gefangenen dar, der allerdings nicht das erste Mal in Anschlag gebracht wird. Die Schwelle, sich solidarisch und ohne Schere im Kopf mit politischen Gefangenen auseinanderzusetzen, wird damit real in die Höhe getrieben; der dünne, abgehackte politische Austausch über Knastmauern hinweg noch mehr behindert. Die Herrschenden nutzen natürlich auch hier ihre Chancen, die ihnen die Schwäche der Widerstandslinken bietet. Sie ist verbunden damit, daß es heute kein Kollektiv der politischen Gefangenen wie in den 70er und 80er Jahren gibt, und daß es keine entwickelten Vorstellungen und keine greifbare Perspektive gibt, wie die Freiheit der politischen Gefangenen mit ihnen gemeinsam erkämpft werden kann. So soll auch an diesem Punkt die Auseinandersetzung zurückgedrängt und entpolitisiert werden.
Die kriminalistische Verwertung der Korrespondenz mit politischen Gefangenen ist heute Teil der modifizierten Haftbedingungen, die auf schalldichte Zellen in Isolationstrakten als Normalität für politische Gefangene verzichten kann, und die stattdessen in Form von unzähligen Reglementierungen und Schikanen den sogenannten Normalvollzug an die jeweiligen repressiven Erfordernisse zur politischen Isolation anpaßt.
Die Perspektive für die Gefangenen aus der RAF kann nicht darin bestehen, daß sie erst nach mindestens 20 Jahren, oder wenn der Staat für die gesundheitlichen Folgen der jahrelangen Isolationshaft nicht mehr die Verantwortung übernehmen will, rauskommen.
Auch hier muß die Widerstandslinke eine Kraft entwickeln, relevant eingreifen zu können.

Das was ich bisher hier gesagt habe, ist ziemlich trockenes Brot.
Durchhalteparolen und markige Sprüche wären allerdings fehl am Platz.

Rolf Heißler, Gefangener aus der RAF, schrieb mir zur Sicht auf die Niederlage und die Situation der Linken: "Es ist die Frage, ist das Glas halb voll oder halb leer".

Ich denke, beides.
Selbstbestimmte, antagonistische Politikansätze, die sich Strukturen jenseits staatlicher Kontrolle und jenseits kapitalistischer Werte und Warenverhältnisse aneignen, sind dünn gesät. Daneben und durchaus auch noch in Wechselwirkung existiert die Anziehungskraft von individualisiertem, entäußertem Politikverständnis, angepaßt an die atomisierten und privatisierten Lebensformen im Kapitalismus, und damit der destruktiven Dynamik des gesellschaftlichen Zerfalls unterworfen. Es liegt nicht nur an den einzelnen Subjekten, sich dieser Situation entschlossen entgegenzustellen, sondern mehr daran ob es gelingt, gemeinsam praktische Punkte gegen die reaktionäre Entwicklung zu setzen und Solidarität zu entwickeln.

Der größte Teil derer, die sich an der politischen Mobilisierung gegen diesen Prozeß beteiligen, und auch direkt zu mir solidarisch sind und mir den Rücken stärken, wissen von der Zeit, aus der die Anklage gegen mich kommt, nur über Vermittlung. Sie waren weder indirekt noch direkt an meinen damaligen Entscheidungen und Überlegungen beteiligt. Das Verhältnis lebt aus dem, was in den letzten ein, zwei, drei Jahren in Widerstandsprozessen und in selbstorganisierten Projekten zusammen und zueinander erkämpft wurde.

Aus dieser Sicht ist das Glas halb voll.


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